Der Tag, den du kennst
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Halb zehn, die erste Farbe wirkt ein, dein Handy liegt am Ladeplatz und blinkt zum vierten Mal. Zwei Terminanfragen per WhatsApp, eine Absage für halb drei, dazu die Frage, was Balayage bei langen Haaren kostet. Du hast Handschuhe an und Farbe an den Fingern, also bleibt das liegen. Wenn du kurz vor eins das erste Mal aufs Display schaust, ist die Absage zwei Stunden alt. Die Lücke am Nachmittag füllst du nicht mehr.
Das ist der eigentliche Punkt: Die Arbeit am Kunden ist nicht dein Problem. Schneiden, färben, modellieren, das kannst du. Was dich auffrisst, ist alles drumherum, und es passiert immer genau dann, wenn beide Hände belegt sind.
Der Tag hat einen Rhythmus, den du kennst. Morgens die Nachrichten von gestern Abend abarbeiten. Zwischen zwei Kunden schnell ans Telefon. Dann dieselbe Beratung wie letzte Woche: welches Shampoo bei coloriertem Haar, wie lange das Gel hält, was Auffüllen kostet. Abends nach Ladenschluss noch das beste Foto des Tages aussuchen, eine Bildunterschrift dazu suchen, ein paar Hashtags, und weil dir nichts Gescheites einfällt, postest du es doch nicht. Am Ende der Woche fehlen dir zwei Beiträge, und trotzdem hattest du ständig das Handy in der Hand.
Dazu die Dinge, die immer aufgeschoben werden. Die Preisliste an der Wand stimmt seit dem Frühjahr nicht mehr. Die Stammkundin, die sonst alle sechs Wochen kam, war zuletzt im März da, und niemand hat nachgefragt. Zwei Google-Bewertungen sind unbeantwortet.
Wenn du wissen willst, wie viel Zeit das wirklich frisst, zähl eine Woche lang mit. Schreib jeden Abend zwei Zahlen auf einen Zettel: Minuten für Nachrichten und Termine, Minuten für Social Media und Nachfassen. Rechne damit, dass am Sonntag vier bis acht Stunden zusammenkommen. Das ist ein halber Arbeitstag pro Woche, für den dir niemand etwas zahlt.
Noch keine Lösung. Erst der ehrliche Blick: Diese Stunden sind da, sie stehen nur in keinem Kalender.
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